Museum für Kommunikation Nürnberg - Logo
Museum für Kommunikation Nürnberg - Logo
Museum für Kommunikation Nürnberg - Logo

Einblicke in die sexuelle Biografie

Auf unser Mitmach-Projekt zu Aufklärung und Sexualität meldeten sich im Sommer 2024 Menschen aus ganz Deutschland. 28 Geschichten waren in der Ausstellung in Frankfurt zu hören. Hunderte weitere wurden an einer interaktiven Station in der Ausstellung schriftlich festgehalten. Was wir davon lernen können, erfährst du hier.

Aufklärungsgeschichte(n) 

Im Bereich „Aufgeklärt“ steht ein grünes Regal, in dem einige sehr unterschiedlichen Objekte durch Bullaugen zu sehen sind. Ein Brief, ein Turnbeutel, eine kleine Diskokugel, Listen mit Namen und Daten und vieles mehr. Sie alle geben Einblicke in die sexuellen Biografien von Menschen, erzählen davon, was ihr Verhältnis zu Sexualität, Körper und Lust geprägt hat. Sie erzählen von Unsicherheiten und Fragen, von Erkundungen und Offenbarungen, von Tabus und radikaler Offenheit. Zu jedem Bullauge gibt es eine Geschichte zum Anhören.

Besuchende bei der Eröffnung in Frankfurt am Main bei den Aufklärungsgeschichten

Besucher:innen bei der Eröffnung von “Apropos Sex” im Oktober 2024

Weitere Geschichten finden sich an der interaktiven Station dahinter. An einem Kleiderständer hängen zahlreiche handbeschriebene lilafarbene Schilder. Besucher:innen der Ausstellung haben ihre eigene Aufklärung beschrieben und Ideen dazu geteilt, was sie anders machen würden.

Beim Anhören und Lesen der Geschichten fällt auf, dass es viel um Unsicherheiten geht. Auf Seiten der Schreibenden, aber auch auf Seiten von Lehrer:innen, Eltern und Beziehungspersonen. Dieser Blogbeitrag soll daher der Frage auf den Grund gehen, was es braucht für eine angenehme Kommunikation über Sexualität, Körper und Grenzen.

Hängende Schilder in der Ausstellung Apropos Sex mit Geschichten

Dicht an dicht hingen die handbeschriebenen Schilder und konnten durchstöbert werden.

Über die Suche nach der (eigenen) Realität

So manches Mal erscheint Aufklärung wie eine Disziplin im Drumherumreden. „Mein Vater hat es anhand eines Vogelnests erklärt. ‚Wenn du mit jemandem ins Nest gehst, weißt schon…‘“, schreibt eine Person darüber, wie sie ihre Aufklärung erlebt hat. Auf der Rückseite des lilafarbenen Schildes beschreibt sie, was sie selbst beim Thema Aufklärung anders machen würde: „Offener über Gefühle sprechen, […] ‚die Dinge‘ beim Namen nennen.“

Eine andere Person fordert „realitätsgetreuen Aufklärungs-Unterricht ohne Verherrlichung/ Verniedlichung!“ Sie erinnert sich an den Sexualkunde-Unterricht während ihrer Grundschulzeit zurück. Geschlechtsverkehr wurde mit sich aneinanderreibenden Katzen dargestellt. Beim „Höhepunkt“ seien die Katzen explodiert. Eine von ihnen habe danach Babys bekommen.

Zeichnung zur Frage nach der eigenen Aufklärung mit Bienchen und Blümchen

Die Erzählung von Bienchen und Blümchen darf natürlich auch nicht fehlen!

Allgemein lässt sich in den Erinnerungen an die Aufklärung, ob in der Schule oder anderswo, ein starker Fokus auf Fortpflanzung, traditionelle Beziehungsformen und heteronormativen Sex feststellen. Eine Person beschreibt dies kompakt so: „Sex = Liebe = Kinderzeugung“
Dass diese Gleichung nicht immer aufgeht und oft an der Lebensrealität von jungen Menschen vorbei ist, wird etwa in Forderungen nach mehr Aufklärung über Selbstbestimmung und Konsens deutlich.

EIne Besuchendengeschichte auf dem hängenden Schild in der Ausstellung

Aufschrift: Mehr Aufklärung über geschlechtliche, sexuelle und romantische Vielfalt/Orientierungen, mehr Informationen zu STI’s und Verhütungsmethoden, Austausch über Grenzen und Konsens

Die Geschichten zeigen, wie einengend es sein kann, wenn Sexualität nur auf eine bestimmte Weise erklärt wird. Insbesondere für queere Menschen kann das zu einer großen Verunsicherung führen. In einer der Sprachnachrichten, die im Regal zu hören sind, spricht eine Frau über eine „große Leerstelle“ in ihrer Aufklärungsgeschichte. Zwar hätte sie viel über Hetero-Sex gelernt, aber eigentlich gar nichts darüber was lesbischer Sex ist oder was er sein kann. Sex, der ohne Penis stattfindet, sei nicht thematisiert worden, nichtpenetrativer Sex wurde in der Regel als Vorspiel deklariert.  Das hat ihr Konzept von Sex geprägt: „Als ich 15 war habe ich dann zum ersten Mal mit einer Frau geschlafen […]. Ich hab aber so ungefähr 2 Jahre […] gar nicht für mich benannt, dass das was wir machen Sex ist […]“

Auf der Suche nach Antworten und Ankommen

Viele der Geschichten handeln von der Suche nach Antworten und Ankommen. Ob aus Neugier, Abenteuerlust oder durch die Sehnsucht, die eigene Sexualität auszuleben. Hindernisse dafür gibt es einige. Das können einzelne Personen sein, die Antworten verwehren oder das Thema Sexualität und Körper bewusst oder unbewusst ausklammern. Das können aber auch Gruppenzusammenhänge wie Dorfgemeinschaften, Freundeskreise oder Schulklassen sein, in denen das eigene Begehren und Empfinden stigmatisiert oder nicht ernstgenommen wird. Und nicht zuletzt spielen körperliche Umstände eine Rolle, ob durch Behinderungen oder die Einnahme von Medikamenten.

Wenn Worte fehlen, können manchmal Objekte eine Stütze sein. Statt den Themenkomplex Sexualität anzusprechen, entscheiden sich viele Eltern, Materialien zur Selbst-Information zur Verfügung zu stellen. Oft sind das Bücher, doch es gibt auch unkonventionelle Ausnahmen. In einer der Geschichten aus dem Regal vermutet ein Mann, dass sein Vater bewusst zuhause Porno-Videokassetten rumliegen lassen habe, um seinem Sohn die Möglichkeit zu geben, herauszufinden, „wie sowas funktioniert.“ Ein offenes Gespräch über Sexualität habe es zwischen den beiden nie gegeben.

Objekte können zum Schlüssel werden, wenn sie einen Zugang zum Thema Körper und Sexualität eröffnen. Fehlt es jedoch an Personen zum Austausch oder an Möglichkeiten, um Rückfragen zu dem Neuerschlossenen zu stellen, bleiben sie manchmal ein Sinnbild fehlender Kommunikation.

Besuchendengeschichte zur Frage, wie man die Aufklärung erlebt hat

Aufschrift: „Meine Mutter legte ein Buch dazu ins Wohnzimmer, später eine Zeitschrift. Das war’s. Gesprochen wurde nie darüber.“

Wie wird Aufklärung und Selbsterfahrung zu einer angenehmen Sache?

Mit anderen Personen, aber auch dem eigenen Körper und den eigenen Bedürfnissen in Kommunikation zu bleiben, ist eine Herausforderung, die uns unser Leben lang begleitet. Die im Regal ausgestellten Geschichten, sowie die Beiträge zu der interaktiven Station können Mut machen und Inspiration dafür geben, wie das gelingen kann. Dabei gibt es kein Patentrezept, aber unzählige Möglichkeiten. Zum Abschluss eine Auswahl von Impulsen:

„Von klein auf Genitalien entstigmatisieren. Später Sex nicht nur auf Verhütung reduzieren, sondern auf Lust, Consent, etc. aufmerksam zu machen. Ich würde mich freuen, wenn sich meine Kinder offen an mich wenden würden/ mir vertrauen.

„Die ‚Scham‘ und das ‚Peinliche‘ aus dem Thema rausnehmen. Sexualität ist etwas Wunderbares und sollte ohne Angst und schlechtes Gewissen erforscht werden.“

„Mehr auf Details eingehen und auch alles rund um das Thema Sex ansprechen. (Sexualitäten, Selbstbefriedigung, usw.)“

„Weniger (Body-)Shaming, mehr Fokus auf Selbstbestimmung und ‚No means no‘. Mehr Offenheit für Fragen oder eine weitere Bezugsperson außerhalb der ‚Kernfamilie‘ für leichteren, weniger schambehafteten Dialog.“

„Mehr über Sex reden und generell über Körper, Lüste, usw. Damit man nicht, wie ich früher denken muss: Ich bin die Einzige, die so ist. | Ich bin komisch. | Andere haben sowas nicht. | Etwas ist nicht okay mit mir.“

„Ich würde meine Kinder oder andere junge Menschen aufklären, dass Sex sehr viel mehr ist als ‚Mann‘ und ‚Frau‘. Mehr gute und ernsthafte Aufklärung in Schule & mehr Medienpräsenz von queerer Liebe & Sex. Zudem mehr Aufklärung über Selbstbestimmung, denn Sex & Liebe ist nicht unpolitisch.“