Sind hier „anzügliche anatomische Merkmale“ zu sehen? Aus diesem Grund stoppte TikTok eine Kampagne unseres Museums. Screenshot: Museumsstiftung Post und Telekommunikation.
S*X, Keks, 6, Seggs, … schon mal gesehen? Auf Social-Media-Plattformen hat sich im Gespräch um Sexualität und andere sensible Themen mittlerweile eine Art Geheimsprache etabliert: Nutzer:innen umgehen mit kreativen Umschreibungen die Algorithmen, die bestimmte Begriffe – etwa „Sex“, „Pornografie“, oder „Sex Toys“ indirekt regulieren.
Warum diese Sprachcodes?
Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube schränken die Reichweite von Inhalten ein, die sie als „sensibel“ oder „not safe for work“ einstufen. Offiziell geht es dabei um Jugendschutz, Community-Sicherheit und Werbetauglichkeit. Welche Wörter davon tatsächlich betroffen sind, bleibt weitgehend intransparent. Deshalb haben sich bei Begriffen rund um Sexualität, Geschlechtsidentität, Drogen, Mentale Gesundheit und auch Themen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Codes eingebürgert. Begriffe wie “S*x” oder “P0rn” nennt man auch Algospeak: Sie sind der Versuch, die Reichweitendrosselung zu umgehen, ohne die Themen selbst zu verschweigen.
Unsere Ausstellung: Klartext statt Code
Als wir den Titel unserer Ausstellung konzipierten, stellte genau dieser Umstand uns vor ein Dilemma: klare Sprache oder Reichweitenlogik? Mit “Apropos Sex” entschieden wir uns letztlich bewusst dafür, “Sex” klar zu benennen – auch auf die Gefahr hin, online weniger Sichtbarkeit zu erhalten.
Unsere Erfahrungswerte mit dieser Entscheidung? Interessanterweise konnten wir auf Instagram bei Beiträgen mit unserem Ausstellungstitel bisher keine eindeutige Reichweitendrosselung feststellen – auch nicht bei Beiträgen, die explizite Begriffe wie „Sex Toys“ enthielten.
Anders sah es bei TikTok aus: Dort warben wir für unsere Ausstellung und unsere Umfrage mit harmlosen Fragen wie „Fällt es dir leicht, über Sexualität zu reden?“ oder „Wo holst du dir Infos, wenn du Fragen zu Sexualität hast?“ – illustriert mit unseren Früchtchen, die die Verbindung zwischen modernen Kommunikationsmitteln und Sexualität verdeutlichen. Die Anzeige lief eine knappe Woche, wurde dann aber gestoppt. Der Grund laut TikTok: unsere illustrierten Früchte würden eine „Zurschaustellung von Genitalien in Kunstwerken“ darstellen. Erst nach unserem Widerspruch und Wartezeit wurde die Kampagne wieder freigegeben.
Algospeak als Selbstzensur und Re-Tabuisierung?
Kritiker:innen sehen in „Algospeak“ eine problematische Form von Selbstzensur, die zu einer erneuten Tabuisierung sexueller Themen führt. Die Porno-Wissenschaftlerin Madita Oeming kritisiert im Gespräch mit dem SPIEGEL, dass die verschleierte Sprache Stigmata reproduziere. Durch den Algospeak werde verhindert, dass Pornografie und Sexualität wie andere gesellschaftliche Themen offen behandelt werden können. Für Oeming steht fest: “Nur weil irgendwo bestimmte Wörter nicht stehen können, verändert sich nichts an real existierenden Phänomenen und Problemen.”
In der Kritik steht außerdem die intransparente Regulierungspraxis der Plattformen. Welche Begriffe oder Bilder gesperrt werden, bleibt häufig unklar. Das kann, wie in unserem Fall, zu unverhältnismäßigen Sperren führen: Sexuelle Aufklärung und künstlerische Inhalte werden mit Pornografie gleichgesetzt und blockiert. Gleichzeitig gelten ungleiche Maßstäbe, da Gewalt und diskriminierende Inhalte oft länger sichtbar bleiben.
Zwischen Schutz und tabufreier Kommunikation
Wie es mit dem Algospeak weitergeht? TikTok passt seine Regeln zunehmend an europäische Vorgaben wie den Digital Services Act an. Dieser sorgt für mehr Transparenz und klarere Moderationsregeln – auch bei sensiblen Themen wie Sexualität. Das könnte helfen, willkürliche Sperren zu reduzieren und legitime Inhalte sichtbarer zu machen. Dennoch bleibt die Balance zwischen Schutz und freier Kommunikation eine Herausforderung.
